Tagungsbericht:

Von letzten Worten und ihren weiteren Wirkungen

Interdisziplinäre Sommertagung blickt über Willens- und Wissensgrenzen hinaus 


„Letzte Worte / Letzter Wille“ lautete das Thema der diesjährigen Sommertagung der Frankfurter Beiträge zur Rechts-, Gesellschafts- und Kulturkritik (vormals Salecina-Beiträge zur Gesellschafts- und Kulturkritik, www.kritische-reihe.de). Dass die von Gisela Engel (ehem. Zentrum zur Erforschung der Frühen Neuzeit) begründete und von Malte Gruber (Fachbereich Rechtswissenschaft) fortgeführte „Kritische Reihe“ den häufig wiederholten Ruf nach interdisziplinärem Austausch und einer verstärkten Öffnung, gerade der Rechtswissenschaft, ernst nimmt, haben die am 25./26. Juli 2014 an der Goethe-Universität gehaltenen Vorträge aufs Neue gezeigt.  Die thematische Verknüpfung bildete dabei erst den Startpunkt einer fächerübergreifenden Diskussion, die um die unterschiedlichen Blickwinkel der Rechts-, Gesellschafts-, Geschichts-, Literatur- und Kunstwissenschaften bereichert wurde. 

„Letzte Worte“ lassen sich in diesem Sinn auch als „erste Worte“ betrachten: Sie stehen nicht nur am Ende einer Kette von rechtlichen oder außerrechtlichen Kommunikationen. Sie können gerade auch der Fortsetzung, insbesondere von Rechtsverfahren dienen – oder aber deren Beendigung legitimieren. Wie Mirjam Stoll (Basel) bereits im ersten Referat anhand des Einspruchs im Strafbefehlsverfahren und der damit verbundenen Wiederaufnahmemöglichkeiten deutlich machte, kennt der Strafprozess neben dem Schlusswort des Angeklagten offenbar noch weitere „letzte Worte“. Ähnliches gilt freilich für die akademische Kommunikation der „letzten Worte“ in der Lehre: Hans-Dieter Schat (Stuttgart) zeigte am Beispiel einiger so genannter „Management-Päpste“, wie wissenschaftliche Lebenswerke in der Betriebswirtschaftslehre bisweilen auf einen Begriff reduziert, manchmal sogar grob simplifiziert werden. 

Wie letzte Worte in Gestalt letztwilliger Verfügungen gebrochen werden oder im Gemeinschaftsinteresse ihre Bindungswirkung verlieren können, stellte Jochen Link (Freiburg) mit rechtsphilosophischen Reflexionen des Erbrechts dar. Aus rechtsgeschichtlicher Perspektive zeichnete Andreas Schilling (Freiburg) die Entwicklung der deutschen Methodenlehre im Widerstreit von Gesetzespositivismus, Freirechtslehre und Interessenjurisprudenz nach, um schließlich die Herausbildung der besonders markanten Figur der „ergänzenden Testamentsauslegung“ durch die Rechtsprechung des Reichsgerichts näher zu beleuchten.

Die in diesem Zusammenhang schon erkennbaren Paradoxien der juristischen Konzeptionen von letzten Worten und Willen als Konstruktionen eines „wahren“, „wirklichen“, „geäußerten“, „mutmaßlichen“ oder anderweitig „objektivierten“ Willens finden sich schließlich im Bereich des Medizinrechts auf die Spitze getrieben, wenn etwa von „hypothetischen Einwilligungen“ als strafrechtlichen Rechtfertigungsgründen die Rede ist. Konstantina Papathanasiou (Heidelberg) zeichnete in dieser Hinsicht die jüngere Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs zur rechtfertigenden Einwilligung und ihr problematisches Verhältnis zur Patientenautonomie nach.

Jenseits rechtlicher Fragestellungen weisen „letzte Worte“ eine weitreichende machtpolitische Dimension auf. Dieser Aspekt bildete den Gegenstand der unter dem Titel „Politische Vermächtnisse“ zusammengefassten Sektion. Sabine Müller (Kiel/Innsbruck) untersuchte derartige Vermächtnisse mit besonderem Fokus auf die antike Kultur Makedoniens und illustrierte, wie Testamente zur Sicherung von Herrschaftsinteressen schon zu Lebzeiten instrumentalisiert werden konnten. Mit Bezug auf die Gegenwart der „Willensnation Schweiz“ und ihrer über Jonas Fränkel vermittelten Identitätsvorstellung nach „Gottfried Kellers politische Sendung“ (1939) beschrieb Martin Uebelhart (Zürich), wie letzte Worte auf mehreren Ebenen mediatisiert und schließlich kollektiviert werden können.

Julia von Dall’Armi (Passau) gewann nach einer literaturwissenschaftlichen Betrachtung der Literatur des 19. Jahrhunderts, insbesondere von E. T. A. Hoffmanns „Das Majorat“ (1817) und Theodor Storms „Aquis submersus“ (1876), weitere Differenzierungen hinzu, die sich auf die unterschiedlichen Begehrensweisen von Erblassern zurückführen lassen. Während das vererbte Vermögen vorzugsweise dazu diene, die Erinnerung an den Erblasser aufrecht zu erhalten, gehe es beim personalen, insbesondere genetischen Erbe um die Ähnlichkeit der Nachkommen. Unter diesem Eindruck scheint sich das „letzte Wort“ in einen „letzten Code“ zu verwandeln, dem eine andere Rationalität als die des selbstbestimmten Willens zugrunde liegt. Kontrastierend dazu stellte Viola Hildebrand-Schat (Frankfurt/Graz) im abschließenden Vortrag dar, über welche Möglichkeiten des kreativen Umgangs mit letzten Worten vor allem die Kunst verfügt: „It seems a pity, but I do not think I can write more“ – so lautete der letzte Tagebucheintrag des bei seiner Antarktis-Expedition gescheiterten Robert Scott, dessen letzte Worte heute im buchkünstlerischen Werk Veronika Schäpers aufgegriffen werden. Damit stellen sich auch an dieser Stelle weitere Fragen nach dem legitimen Umgang mit „letzten Worten“, nach der Autorisierung von künstlerischen oder literarischen Aneignungen, und nicht zuletzt nach den richtigen Adressaten.

Weitere Worte und Perspektiven verspricht die Publikation der Tagungsvorträge, die voraussichtlich 2015 als Band 14 der Beiträge zur Rechts-, Gesellschafts- und Kulturkritik erscheinen wird. In der Reihe ist soeben der zwölfte Band erschienen: Gruber/Bung/Ziemann (Hg.), Autonome Automaten. Künstliche Körper und artifizielle Agenten in der technisierten Gesellschaft, Berlin 2014.